Grundlagenwissen - Epilepsie

Grundlagenwissen

Grundlagenwissen Epilepsie

Der folgende Text dient als Skript im Unterricht zur Ausbildung in der Heilerziehungspflege des Epilepsiezentrums Kork. Er richtet sich also weder gezielt an Menschen die direkt von Epilepsie betroffen sind noch an Laien im allgemeinen.

Der Autor versucht den theoretischen "Ballast" und die Zahl der Fremdwörter auf das nötige Minimum zu beschränken, so dass auch andere Personengruppen, die eine verständliche Einführung und einen Überblick zum Thema Epilepsie suchen, davon profitieren können.

Grundlagenwissen - Epilepsie, M. Bacher

Grundlagenwissen Epilepsie

Verfasser: Matthias Bacher, Oberarzt am Epilepsiezentrum Kork, Klinik für Erwachsene
Stand 2017

 

Medizinische- und weitere Informationsquellen

Medizinische- und weitere Informationsquellen:

www.epilepsie-gut-behandeln.de

Empfehlenswerte und interessante Seite: Wissenswertes, Innovatives und eine Adressdatenbank, Therapieanlaufstellen, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Institutionen

www.curado.de/neurologie/epilepsie/
Portal für chronisch kranke Menschen, u. a. für Menschen mit Epilepsie, enthält neben allgemeinen Informationen auch News aus Medizin, Forschung, Gesellschaft und Recht.

Epilepsie im Alltag

Offenheit im sozialen Umfeld

Wem möchte/sollte ich meine Epilepsie offenbaren?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten, wenn es um Freunde, Bekannte oder Verwandte geht. Denn die Ansichten darüber gehen weit auseinander. Die Spannbreite reicht von "niemand, außer meiner Familie" bis hin zu "jedem, der es wissen will". Die meisten Betroffenen würden es Familienmitgliedern, Freunden und engen Arbeitskollegen erzählen. Die Antwort auf diese Frage hängt sehr stark von der Art und Häufigkeit der Anfälle ab.

In der Schule sollten Lehrer und Lehrerinnen umfassend über Art, Verlauf und Behandlungsstand der Anfälle aufgeklärt werden. Sonst werden kleinere Anfälle gar nicht beachtet und als Träumereien abgetan.

In der Freizeit sollten Sie Aufsichtspersonen von Sport-, VHS- oder ähnlichen Kursen bei regelmäßiger Teilnahme und häufigeren Anfällen aufklären. Bei Reisen kann es notwendig sein, die Reiseleitung zu informieren.

Man kann auf die Frage „wem sage ich, dass ich Epilepsie habe“ keine allgemeingültige Empfehlung geben. Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wem er sich wie mitteilen möchte. Trotzdem ist es für jeden Betroffenen wichtig sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob es für andere Menschen wichtig sein könnte, von der Krankheit zu wissen.
Als Faustregel kann man sagen, dass man Menschen, mit denen man längere Zeit verbringt, von der Epilepsie erzählen und ihnen mitteilen sollte, wie sie sich während eines Anfalls verhalten sollten. So vermittelt man eher Sicherheit im Umgang mit diesem Thema und vermeidet Ausgrenzungen.

Führerschein

Grundsätzlich dürfen Menschen mit einer Epilepsie unter bestimmten Bedingungen den Führerschein erwerben und Kraftfahrzeuge führen.

Das trifft zu bei Anfällen, die seit mindestens drei Jahren nur im Schlaf auftreten, wie auch bei solchen ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins. Bei Personen, die je nach Schwere oder Dauer der Epilepsie seit einem bis zwei Jahren anfallsfrei sind, bestehen ebenso wenig Bedenken für die Erteilung der Fahrerlaubnis der Fahrscheingruppe 1.

Weitere Informationen:

Was kann ich tun, wenn ich keinen Führerschein erwerben bzw. nicht Autofahren darf?

esteht die Fahreignung nicht, oder nur zeitweise nicht, gibt es sozialrechtliche Hilfen für Arbeitnehmer, die mit einer ärztlichen Stellungnahme von Trägern der beruflichen Rehabilitation gewährt werden können (Agentur für Arbeit, Deutsche Rentenversicherung oder auch Unfallversicherung.

Arbeitsassistenz (für Fahrten die mit der beruflichen Tätigkeit zusammenhängen)

Wenn die betreffende Person nicht in der Lage ist selbständig ein Fahrzeug zu lenken und das Fahren nicht prägender Bestandteil der beruflichen Tätigkeit ist, kann Arbeitsassistenz in unterschiedlichen Modellen gewährt werden 

  1. im „Arbeitgebermodell“ stellt der Beschäftigte mit Epilepsie eine Person ein, die Hilfe leistet, die Kosten werden vom zuständigen Träger erstattet. 
  2. im „Dienstleistungsmodell“ lässt der Arbeitnehmer die notwendige Leistung durch einen Dienstleister erbringen, z. B. ein Taxiunternehmen, die Kosten werden wiederum durch den zuständigen Träger erstattet. 
  3. im dritten Modell wird die Arbeitsassistenz über den Arbeitgeber abgewickelt; er stellt eine Person, die die Assistenz leistet, zur Seite und bekommt die ihm dadurch entstehenden Kosten als „besonderen Betreuungsaufwand“ vom Kostenträger erstattet. Die Abwicklung erfolgt über das Integrationsamt. 


Kraftfahrzeughilfe (für Fahrten zur Arbeitsstelle)

Es kann ein Zuschuss für ie Beförderung des Beschäftigten mit Epilepsie zur Arbeit geleistet werden, wenn er ein Fahrzeug nicht selbst führen kann und auch nicht gewährleistet ist, dass ein Dritter das Fahrzeug für ihn führt. Die Hilfe wird dann gewährt, wenn die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel wegen der Schwere einer Behinderung und/oder der Länge der Fahrzeit nicht zumutbar ist, z. B. wenn aufgrund der Anfallsfrequenz zu erwarten ist, dass während der Fahrt infolge eines Anfalls Hilflosigkeit auftritt oder – wichtiger, weil häufiger der Fall – wenn am Wohnort keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen, mit denen der Arbeitsplatz in angemessener Zeit erreicht werden kann.

- unentgeltliche bzw. vergünstigte Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs durch das Merkzeichen G im Schwerbehindertenausweis

Wer beurteilt, ob ich Autofahren darf?

Die Entscheidung, ob jemand eine Fahrerlaubnis erhalten bzw. behalten kann, darf nicht pauschal getroffen werden. Maßgebend hierfür sind die „Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung“ der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), welche abhängig von vielen Faktoren eine verbindliche Empfehlung aussprechen. Die Begutachtung nehmen Neurologen mit verkehrsärztlicher Zusatzqualifikation vor. Der erste Ansprechpartner bei diesen Fragen ist der behandelnde Neurologe, bzw. die Epilepsieambulanz.

Wen kann ich nach Unterstützung bei sozialrechtlichen Hilfen fragen?

Informationen und Unterstützung bei der Antragstellung gibt es durch die Sozialberatung in Epilepsiezentren, Mitarbeiter der Epilepsieberatungsstellen und Integrationsfachdienste (IFD).

Schwerbehinderung

Habe ich als Betroffener Anspruch auf einen (Schwer-) Behindertenausweis?

Wer Epilepsie hat, ist nicht zwangsläufig schwerbehindert. Epilepsie ist eine chronische Erkrankung und kann nach dem Gesetz als Körperbehinderung anerkannt werden. Bei Erwachsenen und bei Jugendlichen ist es sinnvoll, vor Antragsstellung individuell die Vor- und Nachteile des Schwerbehindertenausweises gegeneinander abzuwägen.

Bei Bewerbungen muss das Vorhandensein eines Schwerbehindertenausweises nicht angegeben werden (AGG - Allgemeines Gleichstellungsgesetz). Dies sollte jedoch gut überlegt werden, da das Verschweigen vom Arbeitgeber als Vertrauensbruch gedeutet werden könnte.

Welche Vor- und Nachteile hat die Anerkennung der Behinderung?

Vorteile:
Bei Kindern und Jugendlichen kann der Behindertenausweis die Situation der Eltern erleichtern (z.B. durch steuerliche Vorteile). Wesentliche Vorteile des Schwerbehindertenausweises für Betroffene im Berufsleben sind ein spezieller Kündigungsschutz, fünf zusätzliche Urlaubstage pro Jahr bei Vollbeschäftigung und steuerliche Vergünstigungen. Zudem hat man das Recht Mehrarbeit abzulehnen. Auch der Arbeitgeber erhält zum Teil erhebliche Förderungen (über das Integrationsamt), wenn er einen schwerbehinderten Bewerber einstellt.

Nachteile:
Unter Kindern und Jugendlichen kann sich die Anerkennung der Behinderung negativ auswirken, da das an Epilepsie erkrankte Kind bzw. der Jugendliche einen Sonderstatus einnimmt und die Gefahr einer Ausgrenzung besteht.

Bei Jugendlichen im berufsfähigen Alter bzw. bei Erwachsenen kann die Anerkennung einer Behinderung die Stellensuche erschweren. Dies kann insbesondere in der Phase der Berufsorientierung sehr enttäuschend sein. Je höher die Behinderung graduell eingestuft wird, desto größere Zweifel an der Belastbarkeit des Bewerbers können beim Arbeitgeber entstehen.

Wo wird der (Schwer-) Behindertenausweis beantragt?

Antragsformulare zur Anerkennung als (Schwer-)Behinderter erhält der Betroffene über das Versorgungsamt, die Hauptfürsorgestelle, die Schwerbehinderten-Vertrauensstelle im Betrieb, andere Beratungsstellen der Sozialbehörde oder über den Sozialdienst im Krankenhaus. Bei Antragstellung sollten Art und Auswirkungen der epileptischen Anfälle möglichst genau geschildert werden. Folgeschäden, psychische Auswirkungen, Schmerzen oder sonstige Gesundheitsstörungen sind ebenfalls anzugeben. Ratsam ist es, ärztliche Befunde zusammen mit dem Antragsformular abzugeben. Sobald der Behindertenausweis beantragt ist, prüft die entsprechende Institution, ob eine Behinderung vorliegt und wie hoch der Grad der Behinderung ist. 

Wie wird der Grad der Behinderung eingeschätzt?

Der Grad der Behinderung (GdB) bzw. die Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) wird vom Schwerbehinderten- bzw. sozialen Entschädigungsrecht vorgegeben. Bei der Bewertung werden die Art, Schwere, Häufigkeit sowie die tageszeitliche Verteilung der Anfälle bewertet. Der Schwerbehindertenausweis wird ab einem GdB von 50 Prozent ausgestellt. Bei einem GdB von 30-50 Prozent kann bei der Agentur für Arbeit eine Gleichstellung beantragt werden, wenn aufgrund der Behinderung im Erwerbsleben Nachteile auftreten oder zu erwarten sind.

Eine Übersicht über die Einschätzung des Grades der Behinderung liefert die nachfolgende Tabelle:

AnfallshäufigkeitSemiologieGdB (%)
sehr seltenGroße und komplex-fokale Anfälle mit Pausen von mehr als 1 Jahr; Kleine und einfach-fokale Anfälle mit Pausen von Monaten40
seltenGroße und komplex-fokale Anfälle mit Pausen von Monaten;50 - 60
mittlere HäufigkeitKleine und einfach-fokale Anfälle mit Pausen von Wochen60 - 80
häufigWöchentlich große und komplex-fokale Anfälle oder Serien mit generalisierten Krampfanfällen, von fokal betonten oder multi-fokalen Anfällen; täglich kleine und einfach-fokale Anfälle80 - 100

Liegt eine drei Jahre anhaltende Anfallsfreiheit vor, so wird bei weiterer Notwendigkeit einer antikonvulsiven Behandlung wegen fortbestehender Anfallsbereitschaft ein GdB/MdE-Grad von 30 zugrunde gelegt. Besteht ohne Medikation drei Jahre Anfallsfreiheit, so gilt das Anfallsleiden als abgeklungen. Ohne nachgewiesenen Hirnschaden ist dann kein GdB/MdE-Grad mehr anzunehmen.

Was genau bedeutet der Nachteilsausgleich?

Neben der Grundeinschätzung des Behindertengrades gibt es entsprechende Vergünstigungen (Nachteilsausgleich), die gemäß Schwerbehindertenrecht als Merkzeichen im Behindertenausweis eingetragen werden. Sie haben folgende Bedeutung:

MerkzeichenBedeutung / Nachteilsausgleich
GGehbehindert: Erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr (im Allgemeinen erst ab einer mittleren Anfallshäufigkeit, wenn die Anfälle überwiegend am Tag auftreten.) Der Epilepsie-Patient hat in diesem Fall Anspruch auf unentgeltliche Beförderung im öffentlichen Personennahverkehr.
BBegleitungsperson notwendig: Bei Anfallskranken ist die Notwendigkeit ständiger Begleitung bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel dann gegeben, wenn von einer erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr auszugehen ist. Epilepsie-Patient und Begleitperson fahren im öffentlichen Personennahverkehr gebührenfrei.
HHilflos: Bei schwerster Epilepsie
aGAußergewöhnliche Behinderung beim Gehen: Bei schwerster Epilepsie
RFBefreiung von Rundfunk- und Fernsehgebühren: Bei schwerster Epilepsie

Fachzeitschriften

einfälle

Die Zeitschrift der Deutschen Epilepsievereinigung e.V.

https://www.epilepsie-vereinigung.de/medienliteratur/


epiKurier

Die Zeitschrift epiKurier ist eine Gemeinschaftsproduktion des "e.b.e." - epilepsie bundes-elternverband e.V. und des Landesverband Epilepsie Bayern e.V.

http://www.epikurier.de/


EpilepsieForum

Die Zeitung des Landesverbandes der Epilepsie-Selbsthilfegruppen Baden-Württemberg e.V.
http://www.lv-epilepsie-bw.de/


Zeitschrift für Epileptologie

Ziel der Zeitschrift für Epileptologie ist die Darstellung und Diskussion aktuellen epileptologischen Wissens im deutschsprachigen Raum mit dem Schwerpunkt klinisch relevanter Themen.

http://www.springer.com/medicine/neurology/journal/10309


ZB-Zeitschrift

Die Zeitung für behinderte Menschen im Berufsleben. Herausgegeben von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) im Zusammenwirken mit der Bundesagentur für Arbeit

http://www.integrationsaemter.de/ZB-online/258c62/index.html



Epilepsie und Arbeit

Fakten statt Vorurteile

Menschen mit Epilepsie haben nicht häufiger Arbeitsunfälle als andere Mitarbeiter. Dies gilt für gewerblich-technische Berufe und auch für Berufe im Dienstleistungssektor.

Menschen mit Epilepsie fehlen krankheitsbedingt nicht häufiger am Arbeitsplatz als Arbeitnehmer ohne Epilepsie.

Dies belegen Untersuchungen des Chemiekonzerns BASF und des Berufsbildungswerks Bethel zu anfallsbedingten Fehlzeiten und zur Unfallhäufigkeit.
Menschen mit Epilepsie weisen die gleiche Spannbreite an Intelligenz, Geschicklichkeit und Belastbarkeit auf, wie alle anderen Menschen auch.
Einschränkungen ergeben sich lediglich durch Symptome während eines Anfalls und gegebenenfalls zusätzlichen Erkrankungen.

Etwa 70% aller Menschen mit Epilepsie sind heute aufgrund moderner Therapien und antiepileptischer Medikamente anfallsfrei.
Menschen mit Epilepsie besitzen häufig eine hohe Motivation. Sie verhalten sich an ihrem Arbeitsplatz umsichtig und diszipliniert, weil sie sich ihres Gefährdungspotentials bewusst sind.

Bei der Einstellung berät Sie der Integrationsfachdienst über begleitende Hilfen und finanzielle Unterstützung. Für die Beantragung dieser Unterstützung ist ein Schwerbehindertenausweis erforderlich.

Offenheit im Beruf

Muss ich dem Arbeitgeber mitteilen, dass ich Epilepsie habe?

Viele Epilepsiekranke sind unsicher, ob sie ihre Krankheit dem Arbeitgeber mitteilen müssen. Und wenn man sich dazu entschließt, sie anzugeben: Sollte die Erkrankung im Bewerbungsschreiben oder erst im Vorstellungsgespräch erwähnt werden? Nicht zu Unrecht besteht die Befürchtung, allein die Erwähnung der Krankheit könne zur Ablehnung führen, oder der Arbeitgeber könne das Arbeitsverhältnis auflösen. In diesem Zusammenhang kann davon abgeraten werden, eine Krankheit bereits im Bewerbungsanschreiben zu erwähnen.

Befindet man sich im Vorstellungsgespräch mit dem zukünftigen Arbeitgeber, gibt es, je nach Sachverhalt, folgende Empfehlungen:

Arbeitgeber fragt nach Krankheiten

Sie haben noch Anfälle

werden Sie im Einstellungsfragebogen oder beim Einstellungsgespräch direkt nach Krankheiten gefragt, müssen Sie die Epilepsie nur dann offenbaren, wenn trotz medikamentöser Behandlung Ihre Anfälle die Eignung für die vorgesehene Tätigkeit erheblich beeinträchtigen, z. B. durch Fremd-/Selbstgefährdung, mögliche finanzielle Verluste durch Fehlprogrammierungen usw.

Anfälle, die ohne Auswirkungen auf die vorgesehene Tätigkeit sind, müssen im Vorstellungsgespräch oder im Personalfragebogen nicht angegeben werden. Zur groben Orientierung können Sie folgende Regel heranziehen: Die Gefährdung am Arbeitsplatz darf nicht größer sein als in der häuslichen Umgebung. Danach brauchen Sie Ihre Epilepsie in der Regel nicht anzugeben:

  • bei einfach fokalen Anfällen, die keine Bewusstseinsstörung und keine motorische, sensorische oder kognitive Behinderung zur Folge haben und bei denen keine Ausdehnung der Anfallssymptomatik und kein Übergang zu komplex-fokalen oder generalisierten Anfällen gegeben ist; 
  • bei ausschließlich an den Schlaf gebundenen Anfällen nach mindestens dreijähriger Beobachtungszeit; 
  • wenn die Anfälle strikt an bestimmte Bedingungen geknüpft sind - wie z. B. an Schlafentzug, Alkoholkonsum oder akute Erkrankung (z. B. Fieber) und diese Bedingungen nicht mehr bestehen, so dass Anfälle am Arbeitsplatz sehr unwahrscheinlich sind. In solchen Fällen ist das Gefährdungsrisiko in der Regel so gering, dass man nicht von einer fehlenden Eignung für die meisten Tätigkeiten sprechen kann. 


Allerdings gibt es Ausnahmen bei besonders gefährlichen Tätigkeiten. Wenn Sie sich zum Beispiel als LKW-Fahrer, Kranführer, Gerüstbauer oder für eine andere ähnliche Tätigkeit bewerben, müssen Sie bereits fünf Jahre ohne Medikamente anfallsfrei sein.

Sie sind anfallsfrei

Die Epilepsie muss nicht angegeben werden, wenn langfristig Anfallsfreiheit besteht. "Langfristige Anfallsfreiheit" bedeutet, dass man zwei Jahre lang anfallsfrei ist.

Arbeitgeber fragt nicht nach Krankheiten

Auch wenn der Arbeitgeber nicht nach Krankheiten fragt, müssen Sie die Epilepsie angeben, wenn vorauszusehen ist, dass die Ausübung der in Aussicht gestellten Tätigkeit wegen der Epilepsie erheblich eingeschränkt oder gar unmöglich ist. Sie müssen dem Arbeitgeber aber nur solche Krankheitsinformationen geben, die im Hinblick auf die ausgeübten Tätigkeiten bedeutsam sind. Dass bedeutet, der Begriff „Epilepsie“ muss nicht genannt werden, wenn man es nicht möchte. Die zu erwartende Einschränkung kann durch andere Begriffe umschrieben werden.

Außerdem sollten Sie Ihren Arbeitgeber über Ihre Krankheit informieren, falls die Anfälle, die Nebenwirkungen der Medikamente oder andere im Zusammenhang mit der Epilepsie auftretenden Störungen (z. B. ausgeprägte Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen) die Arbeitsleistung und das Unfallrisiko erheblich beeinflussen.

Was sage ich meinen Arbeitskolleg*innen?

Oft trauen sich Betroffene nicht, ihren Kollegen gegenüber ihre Situation offen anzusprechen. Sie fürchten sich vor Vorurteilen. Sie erwarten, für "nicht normal" oder "verrückt" gehalten zu werden. Dies schafft Verunsicherung, manchmal sogar Angst und Misstrauen. Auch bei Ihren Kollegen kann es dadurch zu Verunsicherungen kommen. Die Kollegen wissen nicht, wie sie auf einen Anfall reagieren sollen und im Anfall helfen können. Dabei ist es wichtig, je nach Anfallshäufigkeit und -Art beteiligte Personen zu informieren. Wer häufiger Anfälle hat, sollte daher die direkten Arbeitskollegen informieren, auch um zum richtigen Zeitpunkt die richtige Hilfe zu erhalten.
Nicht wenige Anfallskranke verschweigen ihre Erkrankung, bis es irgendwann einmal zufällig zu einem Anfall kommt. Dann ist es oft viel schwieriger, über die Anfälle zu sprechen.

Übergang Schule - Beruf

Was ist vor dem Eintritt ins Berufsleben zu beachten?

Jugendlichen ist zu empfehlen, sich etwa ein bis zwei Jahre vor dem Schulabschluss an die Berufsberatung oder den Rehaberater (Agentur für Arbeit) zu wenden, um berufliche Wünsche mit den Einschränkungen aufgrund ihrer Epilepsie-Erkrankung in Einklang zu bringen. So kann einem Abbruch der Ausbildung bzw. einer Arbeitslosigkeit vorgebeugt werden.

Vor dem Eintritt ins Berufsleben sollte eine bestmögliche Anfallskontrolle durch Optimierung der Therapie erzielt werden. Wurde bisher keine Anfallsfreiheit erreicht bzw. ist diese mit erheblichen Nebenwirkungen der Medikamente verbunden, ist es ratsam, eine Epilepsieambulanz oder ein Epilepsiezentrum hinzuzuziehen.

Stellt die Epilepsie eine starke Beeinträchtigung dar oder bestehen weitere Einschränkungen, wie z.B. eine Lernbehinderung oder eine körperliche Behinderung, so können junge Menschen mit Epilepsie ihre Ausbildung auch in einem Berufsbildungswerk durchführen. Ansprechpartner und Kostenträger für die Ausbildung im Berufsbildungswerk ist die Bundesanstalt für Arbeit.

Weitere Informationen zu Berufsbildungswerken in Deutschland:

Bei weiteren Fragen zu geeigneten Berufsbildungswerken wenden Sie sich bitte an unsere Epilepsieberatungsstelle.

Berufswahl

Gibt es Einschränkungen bei der Berufswahl?

Im Allgemeinen ist eine Epilepsie kein Hinderungsgrund für eine berufliche Tätigkeit.

Grundsätzlich sollte man sich zuerst überlegen, welcher Beruf den eigenen Interessen und Fähigkeiten entspricht. Im zweiten Schritt gilt es dann zu klären, inwieweit sich dieser Beruf auch mit einer Anfallserkrankung verträgt. Eine wichtige Rolle hierbei spielt auch die medizinische Diagnose der Epilepsieform. Bei vielen Arten von Epilepsien kann durch Medikamente eine dauerhafte Anfallsfreiheit erzielt werden, so dass berufliche Einschränkungen nicht längerfristig gegeben sein müssen.

Wie gefährlich sind Anfälle am Arbeitsplatz?

Gefährdungen und damit berufliche Einschränkungen ergeben sich durch die Art der Anfälle wenn:

  • Bewusstseinstörungen im Rahmen eines Anfalles auftreten
  • Stürze im Rahmen der Anfälle vorkommen
  • eine Störung der Kontrolle der Willkürmotorik im Rahmen eines Anfalles auftritt
  • nach einem Anfall eine längere Phase mit Bewusstseinstrübung oder der Situation unangemessenen Handlungen besteht

Wenn unkontrollierbare Anfälle bestehen, muss von einigen Tätigkeiten abgeraten werden. Im Wesentlichen betrifft das Arbeiten mit Absturzgefahr (Dachdecker, Schornsteinfeger etc.), Arbeiten an offenem Wasser und Feuer, Arbeiten mit Starkstrom und an ungeschützten Maschinen, sowie das Arbeiten als Berufskraftfahrer. Die Gefährdung Dritter muss vermieden werden.

Daneben ist von Bedeutung, ob die erforderliche antiepileptische Medikation ohne Nebenwirkungen vertragen wird.

Die Gefahr kann jedoch deutlich reduziert werden, wenn:

  • Anfälle nur im Schlaf auftreten
  • ein Vorgefühl (Aura) verlässlich vor einem Anfall auftritt und man in der Lage ist, die Tätigkeit zu unterbrechen und sich in Sicherheit zu bringen 
  • während eine Anfalls das Bewusstsein immer erhalten ist und es zu keinen schwerwiegenden motorischen Beeinträchtigungen kommt
  • unter Medikamentenbehandlung oder nach einem epilepsiechirurgischen Eingriff eine Anfallsfreiheit seit einem Jahr besteht

Manchmal können innerbetriebliche Veränderungen dazu beitragen, die berufliche Tätigkeit an die durch die Epilepsie bedingten Einschränkungen anzupassen (z.B. Anbringung von Schutzvorrichtungen an Geräten, innerbetrieblicher Arbeitsplatzwechsel, seltene Tätigkeiten durch Kollegen erledigen lassen).

Für Patienten mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen bestehen zudem Ausnahmeregelungen im Zulassungsverfahren der ZVS zum Studium, die die Chancen auf den gewünschten Studienplatz verbessern können.

Berufstätigkeit

Wer kann mich beraten, welche Auswirkungen meine Epilepsie im Berufsleben haben kann?

Die fachgerechte Beurteilung kann durch einen Betriebsarzt, einen Vertreter des Unfallversicherungsträgers, einer Sicherheitsfachkraft und/oder eines Sicherheitsbeauftragten oder einer Epilepsiefachkraft erfolgen.

Auch der behandelnde Epileptologe kann im Dialog mit dem Arbeitgeber abschätzen, inwieweit die oben beschrieben Anfallselemente zu einer Eigen- oder Fremdgefährdung bei der Arbeit führen können, bzw. inwieweit durch diese Anfallselemente auch Schaden bei der Arbeit entstehen kann (z.B. Fehlbuchungen, Geräte abschalten etc.). An Epilepsiezentren und in Epilepsieberatungsstellen beraten die auf Epilepsie spezialisierten Sozialarbeiter in diesen Fragen.

Was kann man tun, wenn sich eine Epilepsie erst während der Berufstätigkeit entwickelt?

Um die Frage der beruflichen Zukunft zu klären, sollte der Betroffene sich von einem auf Epilepsie spezialisierten Neurologen beraten lassen oder eine Epilepsieambulanz oder ein Epilepsiezentrum aufsuchen.

Ist der Verbleib im bisherigen Beruf zu vertreten oder ist eine Umschulung zu empfehlen? Die Frage ist für jeden Einzelfall individuell zu erörtern. Gerade bei einer beruflichen Neuorientierung ist zu bedenken, dass es bei dem Betroffenen durch die Herausnahme aus seinem gewohnten Berufsalltag zu einer zusätzlichen psychischen Belastung kommen kann. Daher sollte zunächst versucht werden, den ursprünglichen Arbeitsplatz zu erhalten. Zusätzliche Schutzvorkehrungen, die den Arbeitsplatz für den Epilepsie-Patienten sicherer machen, können dazu beitragen. 

Haftung

Wer haftet bei einem Unfall am Arbeitsplatz?

Tritt während der Arbeitszeit ein epileptischer Anfall auf und kommt es dabei zu einem Unfall, handelt es sich normalerweise nicht um einen Arbeitsunfall.

Zuständig für diesen Unfall ist die Krankenversicherung. Wenn hingegen aufgrund der Beschaffenheit des Arbeitsplatzes eine zusätzliche Unfallgefährdung vorliegt ("erhöhte Betriebsgefahr"), die das Risiko bei einem Anfall über das alltägliche Risiko erhöht (etwa bei Arbeiten an offenen Maschinen), so liegt ein Arbeitsunfall vor. In diesem Fall haftet die Berufsgenossenschaft.

Weitere Informationen unter:
http://www.integrationsaemter.de/ZB-02-2011/346c4402i1p/index.html

Arbeitgeber und Arbeitnehmer

Infobroschüre für Arbeitgeber

Broschüre für Arbeitgeber

Infobroschüre für Arbeitgeber. Auch in gedruckter Form zu bestellen.

 

Infobroschüre für Arbeitnehmer

Broschüre für Arbeitnehmer

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Materialien

Was ist bei einem Anfall zu tun

Epileptischer Anfall - Was Sie tun können?

Epileptischer Anfall - Was Sie tun können?

Was Sie bei einem Anfall tun können.

 

Arbeitgeber und -nehmer

Infobroschüre für Arbeitgeber

Broschüre für Arbeitgeber

Infobroschüre für Arbeitgeber. Auch in gedruckter Form zu bestellen.

 

Infobroschüre für Arbeitnehmer

Broschüre für Arbeitnehmer

Infobroschüre für Arbeitnehmer. Auch in gedruckter Form zu bestellen.

 

Leitfaden

Eingliederung von jungen Menschen mit Epilepsie - Leitfaden

Leitfaden - Eingliederung von jungen Menschen mit Epilepsie

Ein Leitfaden für Mitarbeiter*innen in berufsbildenden Einrichtungen.

 

Hanreichung Vermittlungscoaching

Handreichung - Vermittlungscoaching

Handreichung Vermittlungscoaching für junge Menschen mit Epilepsie.

 

Leitfaden - Berufliche Rehabilitation

Leitfaden - Berufliche Rehabilitation

Leitfaden für die berufliche Rehabilitation junger Menschen mit einer epileptischen und/oder dissoziativen Anfallserkrankung.

 

Leitfaden - Medizinische Belastungserprobung

Leitfaden - Medizinische Belastungserprobung

Leitfaden zur medizinischen Belastungserprobung im beruflichen Kontext.

 

Handreichung - für Lehrer*innen in Schule und Unterricht

Handreichung - für Lehrer*innen

Broschüre für Schulen; Handreichung für Leherer*innen.

 
 

Projekte

Mailand-San Remo
für Kinder mit Epilepsie

Ein Patient der Epilepsieklinik für Kinder und Jugendliche dankt mit einer Spendenaktion für die erfolgreiche Behandlung.

Beratungsstellen

Das Epilepsiezentrum Kork trägt die EpilepsieBeratungsstelle in Kork mit einer Außenstelle in Karlsruhe.

Menschen ohne Lautsprache oder mit eingeschränkten Möglichkeiten zur Artikulation erhalten umfassende Beratung über technische und nicht technische Hilfsmittel in der Beratungsstelle "Unterstützte Kommunikation".

Hier gibt es Wissenswertes zur Krankheit "Epilepsie".

Modellprojekt Epilepsie

Das "Modellprojekt Epilepsie" unterstützt die berufliche Integration junger Menschen mit Epilepsie und weiteren Beeinträchtigungen.

mitMenschPreis

Das Projekt "zueinander-miteinander-füreinander" wurde mit dem mitMenschPreis ausgezeichnet und im Film dokumentiert.

 
 

 © Diakonie Kork